1Geschichte des Hundes

1.1Zeitpunkt der Domestikation

Über die Abstammung des – wie wir heute vermuten – ältesten Haustieres des Menschen herrschte lange Zeit Ungewissheit (vgl. Benecke 1994, S. 68; Pennisi 2002). Wenngleich namhafte Wissenschaftler wie der Verhaltensforscher Konrad Lorenz neben dem Wolf auch andere Kaniden wie den Goldschakal (Canis aureus) als Stammvater des Hundes in Betracht zogen (vgl. Lorenz 1965 S. 13f), ist nach heutigen Forschungsergebnissen die „Vaterschaft“ des Wolfes (Canis lupus) weitgehend geklärt (vgl. Zimen 1989, S. 44ff; Herre & Röhrs 1990, S. 41; Morell 1997).

Nach neuesten Erkenntnissen des Genetikerteams rund um Peter Savolainen vom Königlichen Institut für Technologie in Stockholm, die auf dem Vergleich der mitochondrialen DNS von Wölfen und 654 Hunden der weltweit größten Rassen basieren, wird der gemeinsame Ursprung der Haushunde vor etwa 15.000 Jahren im ostasiatischen Raum hergeleitet (vgl. Savolainen et al. 2002). In diesen Zeitraum fallen auch die ersten archäologischen Funde von Hundepfotenabdrücken und Skelettteilen (vgl. Pennisi 2002). Der genaue Zeitpunkt der Domestikation ist dennoch umstritten, wie die 1997 veröffentlichte Studie der Genetiker Vilà et al. zeigt, die eine Abspaltung des Hundes vom Wolf vor bereits 135.000 Jahren in Erwägung zieht (vgl. Vila et al. 1997).

Aufgrund der genetischen und phylogenetischen Gemeinsamkeiten des Wolfes und anderer Kaniden, wie Schakal und Kojote, mit dem Hund fällt die Zuordnung der fossilen Einzelfunde um menschliche Siedlungen schwer. Aber auch die zeitliche Datierung ist wissenschaftlich umstritten (vgl. Herre & Röhrs 1990, S. 91; Zimen 1989, S. 79). Erste Knochenfunde in einem rund 14.000 Jahre alten Doppelgrab bei Oberkassel in der Nähe von Bonn bestätigen diesen Domestikationsbeginn und lassen bereits Rückschlüsse auf die enge Bindung zum Menschen zu. Der erste klare Fund eines gut erhaltenen Hundeskeletts fand man im Senckenberger- Moor in der Nähe von Frankfurt. Weitere Funde liegen in Israel (vor 12.000 Jahren), Russland und Amerika (vor 10.000 Jahren) vor. Die große Anzahl an gefundenen Knochen belegt die Beliebtheit als Haustier und verdeutlicht die weltweite Verbreitung in Begleitung des Menschen (vgl. Zimen 1989, S. 79, S. 84; Pennisi 2002).

Die Ahnen der ursprünglichen, amerikanischen Hunde wandern   wie Zimen bereits 1989 vermutet und die 2002 erstellte, genetische Studie einer amerikanischen Forschergruppe bestätigt   gemeinsam mit dem Menschen im späten Pleistozän über die Beringstraße nach Amerika und bleiben dort bis zur Zähmung der verwilderten Pferde der Europäer das einzige Haustier der nordamerikanischen Indianer (vgl. Zimen 1989, S. 79, S. 84; Leonard et al. 2002).

1.2Ablauf der Domestikation

Nicht nur der genaue Zeitpunkt sondern auch die Art und Weise der Domestikation ist umstritten. Zimen definiert „Domestikation“ als „…einen Prozeß genetischer Veränderungen in einer ursprünglich wilden Population von Tieren und Pflanzen, wenn diese über viele Generationen im Hausstand unter günstigen Zuchtbedingungen zum Nutzen des Menschen genetisch isoliert von der Wildform gehalten werden“ (Zimen 1978, S. 13).

Zahlreiche VerhaltensforscherInnen und WissenschafterInnen wie Zimen stellen die Vermutung an, dass Wolfswelpen von Frauen aufgezogen und gezähmt wurden (vgl. Zimen 1989, S. 73). Herre und Röhrs definieren den jahrtausende dauernden Prozess der „Zähmung“ als „…bewusste Einflußnahme von Menschen auf Tiere, um eine Zahmheit zu erzeugen“. „Zahmheit“ bezeichnen sie als „…die Vertrautheit eines Tieres gegenüber Menschen, ohne dass nach den Ursachen dieses Zustandes gefragt wird“ (Herre & Röhrs 1990, S. 14). Durch die veränderte Zuchtwahl des Menschen erlangte der Hund neben angeborener Zahmheit auch andere genetisch fixierte Änderungen, die ihn vom Wolf unterscheiden (vgl. Feddersen-Petersen 2000, S. 29). Durch die veränderten natürlichen Bedingungen, als „Hausstand“ bezeichnet, und die Auslese über Generationen auf Abrichtbarkeit und Nützlichkeit hat sich somit die genetische Unterart Hund gebildet (vgl. Herre & Röhrs 1990, S. 3).

Diese Theorie wird in jüngster Zeit von Forschern wie zum Beispiel Ray und Lorna Coppinger bezweifelt. Die Forscher stellen in Frage, dass die Steinzeitmenschen in der Lage waren, die für eine Domestikation essentielle, genetische Isolierung über Generationen zu gewährleisten und die Wölfe somit gezielt zu domestizieren. Sie vermuten vielmehr, dass sich der Hund selbst domestizierte. Wölfe siedelten sich in der Nähe der menschlichen Siedlungen an, um auf den urzeitlichen Abfallhaufen nach Nahrung zu suchen. Dazu eigneten sich vor allem „zahmere“ Individuen mit einer geringeren Fluchtdistanz. Diese waren somit erfolgreicher und energiesparender bei der Futtersuche und in weiterer Folge im Vorteil bei der Zeugung von Nachkommen. Somit entstand durch natürlich Selektion die Subspezies Hund (vgl. Coppinger & Coppinger 2001, S. 39ff).

Die Menschen sind im Jungpaläolithikum noch nomadisierende Jäger und Sammler der Steppe. Bereits in dieser Zeit folgen ihnen wolfsartige Tiere (vgl. Brackert & Kleffens 1989, S. 13). Im Mesolithikum, gegen Ende der letzten Eiszeit vor etwa 11.000 Jahren verändert sich durch die klimatische Erwärmung die Vegetation. Wald und breite Getreidegürtel als neues natürliches Umfeld legen eine sesshafte Lebensweise nahe (vgl. Paturi 1996, S. 484). Die im Aussterben begriffenen großen Beutetiere, wie Mammut und Wollnashorn, werden durch die besser an die neue Flora angepassten Tierarten, wie Biber, Elch, Rothirsch, Wildschwein und Auerochse, ersetzt. Der Mensch verändert nun auch seine Jagdmethoden. Tötete er bisher als Großwildjäger mit kurzreichenden Speeren und Äxten, indem er die Tiere in Fallen lockte oder über Steilhänge trieb, kann er nun mit Entwicklung von Pfeil und Bogen aus größerer Distanz jagen. Er entwickelt sich zum Breitspektrumjäger und –sammler, der wie zahlreiche Felszeichnungen darstellen von Hunden bei der Jagd begleitet und unterstützt wird (vgl. Zimen 1989, S. 78, S. 93f; Paturi 1996, S. 466; vgl. Abb. 1).

Im Zuge der Entwicklung des Ackerbaues und der Viehwirtschaft entstehen zu Beginn der Jungsteinzeit, erste feste Siedlungen. Der Mensch ist nun nicht mehr weiter aneignend von der Natur abhängig, sondern er beginnt die Natur zu gestalten und zu beherrschen. Er tritt ein in die Produktionswirtschaft. Mit der veränderten Lebensweise geht ein umfassender gesellschaftlicher Strukturwandel einher (vgl. Paturi 1996, S. 473). Lorenz schließt aus den ausschließlich bei Pfahlbauten gefundenen und eindeutige Zeichen der Domestikation zeigenden Torfspitzen auf eine engere Beziehung zwischen Mensch und Hund (vgl. Lorenz 1965, S. 10f; Brackert & Kleffens 1989, S. 15). Bereits vor 10.000 bis 8.000 Jahren waren unterschiedliche Hundetypen in diversen Größen verbreitet. „Von Rassen kann man noch nicht sprechen, da die verschiedenen Schläge sicher nicht in genetischer Isolation gehalten wurden, wohl auch keine gezielte Zucht stattfand“ (Zimen 1989, S. 91).

Auch wenn bis heute nicht genau geklärt werden konnte, wie die Evolution des Hundes von statten ging, sind die Anwendungsgebiete der frühen Hunde klar. Wie Zimen vermutet, waren sie nur nützlich „…in Verhaltensbereichen, die sich vom Leben im Wolfsrudel nur wenig unterschieden: bei der Pflege und Sorge um den Nachwuchs, als Vertilger von Nahrungsresten und Unrat sowie als aufmerksame, wenn auch ängstliche Beobachter ihrer Umwelt“ (Zimen 1989, S. 72). Wie von noch heute lebenden Urvölkern der Erde (Papuas, Pygmäen, australische Ureinwohner) wurden die Hunde sowohl zur Jagd als in späterer Folge auch zum Schutz der Herden gegen Feinde eingesetzt. In Notzeiten dürften sie auch als Nahrung gedient haben (vgl. Brackert & Kleffens 1989, S. 15; Zimen 1989, S. 91).

Die Evolution der Hunde erlebt nun vor allem im Mittelmeerraum und Südwestasien eine Blüte. Die älteste Abbildung eines Hundes entstand im 8./7. Jahrhundert vor Christus in Anatolien und zeigt eine Jagdszene (vgl. Brackert & Kleffens 1989, S. 16).


Abb. 1: Hirschjagd mit Hund, Wandmalerei

Eine im algerischen Gebirge entdeckte Felszeichnung zeigt die Verwendung kräftiger Hundetypen im Krieg. Die Camuner sind die ersten, deren neolithischen Felszeichnungen gezähmte Hunde darstellen, die sich frei zwischen den Hütten bewegen (vgl. Brackert & Kleffens 1989, S. 17).

In den folgenden Kulturen erreichen die Hunde durch selektive Zuchtwahl des Menschen eine immer größere Variabilität und Verbreitung. So sind von den alten Ägyptern 4000 v. Chr. für die unterschiedlichen Anforderungen der Jagd dackelbeinige Hunde und Windhunde gezüchtet worden (vgl. Feddersen Petersen 2004, S. 30). Dennoch kann noch nicht von Rassen gesprochen werden, denn „[e]ine Rasse entsteht erst durch gezielte menschliche Zuchtauswahl auf bestimmte Erscheinungsbilder und Verhaltensweisen in genetisch isolierten Teilpopulationen. Und davon kann zu diesem frühen Zeitpunkt in der Geschichte des Hundes noch nicht die Rede sein“ (vgl. Zimen 1989, S. 100).

Bald darauf wird in Babylon und später auch in Ägypten ein großer, kräftiger Hundetyp abgebildet, der Mastiff, der aufgrund seiner Größe und Kampfbereitschaft vor allem als Wachhund und im Krieg seine Verwendung findet (vgl. Zimen 1989, S. 109; Brackert & Kleffens 1989, S. 18).


Abb. 2: Schwerer Mastiff auf einer Terracotta-Tafel aus Babylon

Die Ägypter verleihen manchen ihrer Götter hundeähnliches Aussehen und Charakter, was auf eine hohe Wertschätzung dieser Tiere schließen lässt. Zahlreiche Bilder und Schriften aber auch Einbalsamierungen belegen die Beliebtheit der Hunde auch im Alltag. AutorInnen bestätigen den hohen Stellenwert des Hundes. Wer einen Hund misshandelte, wurde mit körperlicher Züchtigung bestraft, wer einen Hund tötete, wurde mitunter selbst hingerichtet. Diese Einstellung findet sich auch bei anderen Völkern, wie den Persern, die den Hund als „Hüter der Herden und Beschützer der Menschen“ schätzen (vgl. Brackert & Kleffens 1989, S. 20ff).

Xenophon schrieb über die Zucht und Abrichtung von Hunden, speziell Jagdhunden, und gilt somit als erster „Kynologe“. Neben diesen werden jetzt vor allem von Wohlhabenden Schoßhunde gehalten. Abbildungen auf antiken Schilden zeugen von dem Einsatz der Hunde im Krieg und rühmen den Mut der Tiere. Weiterhin werden sie als Wachhunde eingesetzt (vgl. Brackert & Kleffens 1989, S. 30).

Die Römer züchteten erstmals systematisch Hunderassen. Auch hier werden besonders große und kräftige Hunde gezüchtet, die entweder in Gladiatorenkämpfen oder - wie die auch schon bei den Griechen bekannten Molosser - im Krieg eingesetzt werden. Aber auch nahezu alle anderen uns heute bekannten Formen werden zu jener Zeit erstmals gezüchtet. Neben Herdenschutzhunden sind nun auch Hunde, die die Herden treiben und zusammenhalten, im Einsatz (vgl. Zimen 1989, S. 114f). Hunde wurden ebenfalls zur Nachrichtenübermittlung eingesetzt (Brackert & Kleffens 1989, S. 33).

Wie das in Pompeji gefundene Hundemosaik mit der Inschrift „Cave Canem“ zeigt, waren diese als Wachhunde weit verbreitet. Hunde, auch wenn sie in damaligen Zeiten hauptsächlich vegetarisch ernährt wurden, konnten sich allerdings nur reiche Bürger halten, die ärmere Bevölkerung begnügte sich mit Gänsen (vgl. Brackert & Kleffens 1989, S. 33). Heutzutage bekannt ist der Gipsabdruck des an dem Ascheregen erstickten Kettenhundes.


Abb. 3: Toter Hund aus Pompeji

Neben der Bedeutung der Hunde aufgrund ihrer variablen Einsetzbarkeit und Nutzbarkeit belegen die zahlreichen Abbildungen auf Vasen, die Erwähnungen in Fabeln, Geschichten und anderen literarischen Dokumenten, bis hin zu der von Homer überlieferten Szene der Heimkehr des Odysseus, in der einzig sein Hund Argos den Helden wieder erkennt, das innige und liebevolle Verhältnis zwischen Mensch und Hund der antiken Welt. Der Hund ist Bestandteil des alltäglichen Lebens (vgl. Brackert & Kleffens 1989, S. 35ff).

Bei den Germanen vermutet man, dass rasselose, sich frei vermischende Hundetypen verbreitet waren, die aufgrund ihrer Gestalt und ihres Verhaltens für Arbeitszwecke wie Viehtrieb, Jagd oder Kriegsdienst eingesetzt wurden. Nach Norbert Benecke kennt man unter den Jagdhunden Spezialisierungen wie „…den Leithund, Treibhund, Spürhund, den Biberhund und den Hund der unter der Erde jagt (z. B. im Fuchs- und Dachsbau), den Windhund, den Habichtshund und den Hund der das Schwarzwild hetzt“ (1994, S. 224). Funde von bestatteten Hunden unter Türschwellen und in Hausnähe belegen weiters, dass diese aufgrund ihrer besonderen Eignung als Haus­  und Hofwächter rituell als „Bauopfer“ dienten (vgl. Benecke 1994, S 224).