1Die Mensch-Hund-Beziehung

Wie auch in den vorangegangenen Kapiteln soll die Mensch-Hund-Beziehung unter für die Problemstellung relevanten Gesichtspunkten beleuchtet werden. Das Zusammenleben mit dem Menschen wirft einerseits die Frage nach der Ursachen sowie der Bedeutung dieses Zusammenlebens auf und andererseits nach den Vorteilen, Gründen und individueller Ausgestaltung urbaner Mensch-Tier-Beziehungen. Der Frage nach einer Artgerechtigkeit der Hundehaltung speziell in der Stadt wird durch die Betrachtung der arttypischen Ansprüche und der Gründe sozialer Unverträglichkeit nachgegangen.

Die besondere Eignung des Hundes als Sozialkumpan des Menschen resultiert einerseits aus den sozialen Voraussetzungen und Fertigkeiten des Stammvaters, des Wolfes, und andererseits aus den menschlichen, mehr oder weniger gelenkten Veränderungen, die mit der Haustierwerdung einhergehen. „Die Domestikationen gehören … zu den bedeutendsten und folgenreichsten Vorgängen in der Geschichte der Menschheit…Die Arbeit generationenlanger Obhut von Haustieren wurde geleistet, weil Haustiere verschiedenartigen realen oder ideellen Nutzen brachten und kulturelle Entwicklungen ermöglichten“ (Herre & Röhrs 1990, S. 4, S. 11). Im Zuge der Kulturentwicklung erfolgte eine Erhöhung der Nutzleistung der Haustiere zugunsten menschlicher Bedürfnisse. Beim Hund äußert sich diese gesteigerte „Nutzleistung“ beispielsweise in den unterschiedlichen Gebrauchshunderassen. Die Riechleistung mancher Spürhunde dürfte sogar die des Wolfes übertreffen.

1.1Soziale Beziehung Mensch - Hund

Der Wolf jagt, wie auch der Mensch vor 12.000 Jahren, vor allem Großwild, was den Zusammenschluss zu Rudeln begünstigte. „Diese Jagdform förderte die Entstehung sozialer Strukturen, die Entwicklung von gegenseitiger Verständigung, Aufgabenteilung, und sozialer Fürsorge“ (Benecke 1994, S. 72). Aufgrund der ähnlichen sozialen Struktur und anderer Arteigenschaften der Kaniden entwickelte der Mensch verstärkt durch den Einfluss der Domestikation zu diesem - im Vergleich zu anderen Tieren - die wohl engste und innigste Beziehung. Mithilfe angeborener und erlernter vor allem sozialer Verhaltensweisen passt sich der Wolfsverwandte perfekt an das Zusammenleben mit dem Menschen an. Die lange Sozialisierungs- und Habituationsphase ermöglicht dem Welpen eine Gewöhnung an die vielfältigen Anforderungen des Hausstandes. „Die prinzipiell aus der arteigenen Lebensweise abzuleitende Neigung des Hundes, in individualisierten, strukturierten und gemeinsam agierenden Verbänden zu leben, prädestiniert die Art, eine entsprechende Prägung vorausgesetzt, zu einem sehr engen Zusammenleben mit dem Menschen“ (Wiesner 1998, S. 1). Das Meutetier „Hund“ überträgt die Rudelhierarchie auf das Leben in der Familie und entwickelt auch in der Rangordnung der menschlichen Gesellschaft individuelle Bindungen zu seinen Sozialpartnern. Der Hang zur Geselligkeit macht ihn zum idealen Menschenbegleiter. Vielmehr noch: „Im Laufe der Domestikation ist der Mensch dem Hund `wichtiger´ geworden, wie in vielen Untersuchungen zu belegen ist, als es seine Artgenossen sind“ (Feddersen-Petersen 2004, S. 408). Dieser Umstand findet sich auch in der 2. Tierhaltungsverordnung des Bundestierschutzgesetzes wieder, die besagt, dass Hunden mindestens zwei Mal täglich Sozialkontakt mit Menschen gewährt werden muss (vgl. Hund und Recht).

1.2Kommunikation zwischen Mensch und Hund

Die ausgeprägte wölfische Kommunikationsfähigkeit anhand visueller, körpersprachlicher Signale ist auch für den Hund charakteristisch. Diese Anlage dient ebenso der artübergreifenden Verständigung. „An das Ausdrucksverhalten des Menschen sind Hunde adaptiert. Offenbar gibt es etliche Ausdrucksbewegungen, die Schlüsselreize für den domestizierten Wolf wurden“ (Feddersen-Petersen 2004, S. 410). Im Zuge der Haustierwerdung wurde durch Selektion die Veranlagung, menschliche Gesten zu verstehen, genetisch verankert, wie Untersuchungen des Forscherteams um Brian Hare von der Harvard Universität bekräftigen (vgl. Hare et al. 2002). Im ersten Versuch erkannten neun der elf untersuchten Hunde die menschlichen Sozialgesten mittels Fingerzeig, Blick und Markierung des Objektes als Indiz zur Auffindung des Futters in einem der zwei geruchlich identen Container, während nur zwei von elf Schimpansen, dazu in der Lage waren. Im nächsten Experiment wurde die Fähigkeit, einzelne körpersprachliche Zeichen (Blick, Zeigen beziehungsweise Klopfen auf Behälter) zu verstehen, zwischen Hund und Wolf untersucht. Auch hier waren die Haushunde signifikant erfolgreicher als ihre engsten Verwandten. Um zwischen erlernten und angeborenen Verhaltensweisen zu unterscheiden, wurden nun die Ergebnisse von einerseits durch Menschen aufgezogenen Welpen und andererseits in Zwingern gehaltenen Welpen mit geringem menschlichem Kontakt verglichen. Die Resultate der beiden Gruppen unabhängig von Alter oder Aufzuchtbedingungen unterstreichen die Theorie, dass sich durch selektive Bevorzugung der Hundeindividuen, die in der Lage waren menschliche Kommunikation zu verstehen, im Zuge der Domestikation die Fähigkeit der sozialen Kognition genetisch fixierte (vgl. Pennisi 2002).

Auch die Studien ungarischer Wissenschafter der Eötvös-Lorand-Universität in Budapest, der weltweit größten Arbeitsgruppe zur Erforschung des Hundes, seiner Kognition und seiner Beziehung zum Menschen, bestätigen dessen kommunikative Überlegenheit sogar gegenüber unseren nächsten Verwandten und belegen die hohe Anpassungsfähigkeit an die soziale Umgebung des Menschen (vgl. Wilhelm 2003, Miklosi & Soproni 2005; Topal et al. 2005).

Aufgrund der im Vergleich zum Wolf feststellbaren Vergröberung der optischen Kommunikationsfähigkeit und dem vermehrten Auftreten von Bellauten der Haushunde kommt Feddersen-Petersen zu dem Schluss, dass die Änderung dieser Leistungen im Zuge der Domestikation eine Anpassung an das Sozialleben mit dem Menschen zu sein scheint (vgl. Feddersen-Petersen 1997, S. 263, 269). Trotz dieser Fähigkeiten kommt es zwischen den Arten zu „ritualisierte Missverständnisse[n]“ (Feddersen-Petersen 1997, S. 253). So wird das Anschreien des Hundes bei aus menschlicher Sicht „falschem“ Verhalten, wie Bellen oder Jagen, von diesem als „Mitbellen“ als „Bekräftigung im Sinne einer Gruppenaggression“ verstanden (Feddersen-Petersen 1997, S. 253). Für den Hund ist die darauf folgende „plötzliche“ Bestrafung, die der Mensch aufgrund des dauerhaften Nicht-Befolgens seines Befehles gerechtfertigt sieht, nicht verständlich. Dies trägt nur zu Verunsicherung und einer gestörten Mensch-Hund-Beziehung bei. Die Kenntnis der Stress- und der Beschwichtigungssignale, der „calming signals“, hilft dem Menschen, die vom Hund gezeigten Bedürfnisse und Befindlichkeiten zu lesen und adäquat zu reagieren (Rugaas 2001).

1.3Nutzen und Abhängigkeit

Die Haustierwerdung beeinflusste maßgeblich die Umweltbedingungen des Hundes. „Wie der Wolf das am weitesten verbreitete wilde Säugetier war, ist heute der Hund das am weitesten verbreitete Haustier“ (Zimen, 1989, S. 84). Hunde sind vom Menschen ungleich abhängiger als dies andersherum der Fall ist. Ohne den Menschen würde die Hundepopulation in dieser Größe, Art und Weise nicht weiter existieren können. Der Mensch hingegen ist nur in Ausnahmefällen auf den Hund existentiell angewiesen. Der Zusammenbruch hoch entwickelter Rassezuchten ist auf den zeitgleichen Niedergang des römischen Reiches oder des hochmittelalterlichen Adels zurückzuführen und veranschaulicht die Abhängigkeit des Hundes von der menschlichen Fürsorge (vgl. Herre und Röhrs 1991, S. 136f).

Kein anderes Tier selbst unter den Haustieren wird vom Mensch in so großer Vielfalt eingesetzt und genutzt. Neben emotionalen Aspekten, die vor allem in der heutigen Zeit und in der Großstadt im Vordergrund stehen, ist die Beziehung des Menschen zum Hund auch von funktionalen Gesichtspunkten geprägt. „Seine Jagdqualitäten, aber auch gesellschaftliche Eigenschaften wie Anhänglichkeit, Treue, Wachsamkeit, Gehorsam machten den Hund von Anbeginn seiner Domestikation bis in die Gegenwart zum beliebten Gefährten des Menschen“ (Blaschitz 1999). In der heutigen Zeit, begünstigt durch Zuchtwahl und moderne Ausbildungsmethoden, werden die besonderen Fähigkeiten der Hunde in den unterschiedlichsten Bereichen eingesetzt. Besonders die der menschlichen Nase aber auch technischen Errungenschaften weit überlegene Riechleistung macht man sich zu Nutze. Neben „traditionellen“ Aufgaben bei Polizei, Militär, Zoll zum Aufspüren von Drogen, Sprengstoff, Landminen hilft er auch in Katastropheneinsätzen bei der Suche nach Lawinen  und Erdbebenopfern. In jüngster Zeit wird er zur Frühwarnung epileptischer Anfälle und Krebsgeschwüre ausgebildet (vgl. ohne Autor 2002). Daneben ist er in der Lage Wildtiere, Schimmelpilze und Trüffel aufzustöbern.

Besondere Dienlichkeit leisten dem Menschen Behindertenhunde. Diese werden zur Erleichterung des Alltags körperlich eingeschränkter Menschen auf die Erfüllung der jeweiligen Bedürfnisse hin abgerichtet. So ist ein Gehörlosenhund in der Lage seine/n BesitzerIn auf akustische Signale, wie das Läuten der Tür aber auch des Feueralarms, aufmerksam zu machen, ein Blindenhund führt Sehbehinderte durch den Straßenverkehr während die Begleithunde auf den Rollstuhl angewiesener Personen auf das Aufheben von Gegenständen und das Drücken von Aufzugknöpfen spezialisiert sind (vgl. Fogle 1999, S. 25). Die Hilfe dieser Tiere ermöglicht es den Betroffenen ein nahezu uneingeschränktes, eigenverantwortliches Leben zu führen. Therapiehunde werden (wie andere Tiere auch) aufgrund ihrer unkomplizierten Kontaktaufnahme, ihrer bedingungslosen Liebe und Zuwendung unabhängig von sozialem Status, Aussehen oder Krankheit erfolgreich unterstützend zur Behandlung autistischer sowie körperlich durch Krankheit oder Behinderung eingeschränkter Patienten eingesetzt.

Gerade in der urbanen, technologischen Umgebung des Stadtmenschen wird das Bedürfnis nach einem Stückchen Natur in Form eines Heimtieres entwickelt. Oftmals wird der Hund zur Befriedigung des Triebes nach Geselligkeit und einem Kommunikationspartner angeschafft. Der „normale“ Familienhund macht Freude und fördert speziell die soziale Integrationsfähigkeit der Kinder. Die vielfältige Möglichkeiten der Beschäftigung mit dem Tier in der Freizeit in Form von Hundesportarten, wie Agility oder Flyball, bei denen man die ausgesprochen ausgeprägte Lernbereitschaft des Hundes vor allem mittels positiver Verstärkung nützt, werden immer beliebter (vgl. Vor- und Nachteile der Hundehaltung).

Der vorrangige „Gewinn“ der Hunde liegt in der Sicherheit, die seiner Art das Zusammenleben mit dem Menschen bringt. In dieser ungleichen Partnerschaft wird dem Tier Nahrung und ein behütetes Leben fern von (Fress-)Feinden geboten. Die Hunde profitieren von der Gesellschaft des Menschen.

1.4Zwischenartliche Beziehung

So vielfältig die Hundetypen und  rassen, vielmehr aber noch die menschlichen Lebensformen sind, so mannigfaltig stellen sich die zwischenartlichen Verbindungen dar. Doch seit Anbeginn des Zusammenlebens bestimmte der Mensch die Umstände und die Ausformung dieser ungleichen Partnerschaft. Der Hund integriert sich wie kein anderes Tier in das menschliche Leben. In dieser artübergreifenden Partnerschaft ist der Mensch der „bevorzugter Sozialpartner“ des Hundes (Feddersen-Petersen 1997, S. 265).

Das Verhältnis zwischen Mensch und Hund wandelte sich im Laufe der Geschichte und ist kulturabhängig. Während in Teilen Asiens, Afrikas und manchen Stämmen Südamerikas Hunde gegessen und zu diesem Zweck gehalten werden, ist das Schlachten von Hunden in der westlichen Welt ethisch und teilweise legislativ verboten (vgl. Herre & Röhrs 1990, S. 366). Neben der grundlosen Tötung von Tieren verbietet das österreichische Tierschutzgesetz „aus Gründen des Tierschutzes und aus kulturellen Gründen“ explizit die Tötung von Hunden und Katzen zur Gewinnung von Nahrung oder anderen Produkten (Irresberger et al. 2005, S. 4). Wie im Kapitel „Geschichte der Hundehaltung“ erwähnt, war allerdings im Mittelalter auch hierzulande die Nutzung der Hunde zur Rohstoffgewinnung in Form von Leder, Fellen, Fleisch und Fett verbreitet. Die im Mittelalter zahlreichen, herrenlosen Streuner lebten wie die heute in Asien, Afrika und Südamerika verbreiteten Pariahunde von den Abfällen menschlicher Siedlungen.

Heute ist durch Evolutionstheorie, Umweltschutzbewegung und im Gegenzug zur Technologisierung der Abstand zum Tier wieder kleiner geworden. Der Gebrauchswert eines Hundes tritt zugunsten eines ideellen Wertes als emotionale und soziale Stütze in den Hintergrund. „Jahrhundertelang wurden Hunde zur Jagd oder als Hütehunde gebraucht. Sie bewachten unser Vieh, zogen Wagen und Schlitten oder töteten Wild für uns. Während unsere Beziehung zum Hund ursprünglich also unter praktischen Gesichtspunkten stand, leben wir heutzutage in erster Linie aus sozialen und psychologischen Gründen mit Hunden zusammen. Wir genießen ihre Gesellschaft“ (Fogle 1999, S. 24).


Abb. 9: Der beste Freund des Menschen

Die enge zwischenartliche Beziehung von Mensch und Hund zeigt sich auch darin, dass der Hund eines der wenigen domestizierten Tiere ist, das ohne Anbindevorrichtung, Käfig oder Zaun gehalten werden kann. Dies ergibt sich aus der engen Bindung und Vertrautheit, die zwischen den „Sozialkumpanen“ existiert. Anstatt die Umgebungsbedingungen an die tierischen Bedürfnisse anzupassen, sind Heimtiere wie der Hund dazu gezwungen, sich an inadäquate Lebensbedingungen anzupassen (vgl. Feddersen-Petersen 2004, S. 425). Oftmals fehlt den HundehalterInnen aber auch den verantwortlichen Behörden und PlanerInnen die Kenntnis der verhaltensbiologischen Grundbedürfnisse insbesondere das Sozialverhalten, die Sinneswahrnehmung und den Bewegungsbedarf betreffend. Häufig ist weniger bewusste Tierquälerei Ursache tierischen Leides, als ein fehlendes Verständnis der Grundbedürfnisse durch den/die TierhalterIn. Es darf nicht vergessen werden, dass der Hund trotz Domestikation ein Tier mit entsprechenden Trieben und Instinkten blieb. Die Beuteilung nach anthropozentrischen Maßstäben ebenso wie die mangelnde Empathie können beim Hund mitunter zu chronischem Stress und in weiterer Folge zu Verhaltenstörungen führen. „Wohl kam ein anderes Haustier wird von uns so emotionsüberladen, so unsachlich und, weit entfernt von biologischen Zusammenhängen, so anthropomorph eingeschätzt wie der Hund“ (Feddersen-Petersen 2004, S. 121). Durch die innige Beziehung und Betreuung der Menschen zu ihren Haustieren, besonders dem intensiven Verhältnis zum Hund, laufen viele Gefahr die Tiere zu vermenschlichen. Besonders das Wohlbefinden der Tiere wird mittels menschlicher Parameter anstelle tierischer Bedürfnisse beurteilt (vgl. Herre & Röhr 1990, S. 386f). Von Seiten des Menschen dient das Tier oft als Ersatz für unerfüllte Bedürfnisse und zur Triebbefriedigung (vgl. Feddersen-Petersen 2004, S. 408). Mangelnde Beachtung der Ansprüche und fehlende Kenntnis tierischen Normalverhaltens, in Form anthropomorph gefärbter Fehldeutung, führen zu einer Überforderung der Anpassungsleistung, die sich nicht selten in Verhaltensstörungen äußern kann. „Ein schlichtes, schwammiges und unkontrolliertes Vermenschlichen, das Hunden menschliche Gefühle und Eigenschaften unterstellt, führt zwangsläufig zu falschen Schlussfolgerungen. Dass diese tierschutzrelevant wie gefährlich werden können, versteht sich eigentlich von selbst“ (Feddersen-Petersen 2004, S. 230). In Extremfällen kann er als sozialer und emotionaler Lückenfüller oder sogar als Kinder- oder Partnerersatz fungieren. So werden Heimtiere zur Kompensation sozialer Defizite gehalten. Der gerade im urbanen Raum feststellbare Trend zu Kleinfamilie und Singlehaushalt verstärkt diese Entwicklung (vgl. Zemanek 1992, S. 1f; Feddersen-Petersen 1997, S. 410ff).

1.5Artgerechtigkeit

Die Verhaltensstörungen der Hunde, die aus einer Überforderung der Anpassungsfähigkeit resultieren, können als vom Normalverhalten abweichend definiert werden. Zur Ermittelung des Normalverhaltens des Hundes wird als Referenzsystem die wilde Stammart Wolf herangezogen. Mittels vergleichender Verhaltensforschung unter für beide Arten künstlichen, größtmöglich standardisierten Umweltbedingungen der Gehege werden Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen Wolfsrudel und reinem Hunderudel ermittelt. Während die Erforschung des Normalverhaltens und die Erstellung eines Ethogramms bei Wildtieren, wie dem Wolf, aufgrund der stabilen Verhältnisse leichter durchführbar ist und ausführliches Datenmaterial existiert, kann „[w]egen der üblichen Haltungsbedingungen des Hundes in enger Lebensgemeinschaft mit dem Menschen … das Verhalten des Haushundes nur aus dieser speziellen Gemeinschaft heraus erfaßt und beurteilt werden“ (Wiesner 1998, S. 2). Es mangelt allerdings an dem für den Menschen relevanten Bereich der zwischenartlichen, sozialen Interaktion und der Erforschung der Ansprüche des Haustieres. Daneben erschweren die - gegenüber der als Referenz herangezogenen wilden Stammart Wolf aber auch innerhalb der Haushunde auftretenden - genetisch fixierten Verhaltensänderungen ebenso wie die Doppelprägung auf den Mensch und den Artgenossen eine Definition des Normalverhaltens (vgl. Wiesner 1998, S. 4). Obwohl Verhalten, Bedürfnisse und Entwicklung des Hundes, laut der vergleichenden Verhaltensforschung, nicht ohne die wilde Stammform, den Wolf, gesehen werden dürfen, sollte immer der Zusammenhang mit dem Menschen im Auge behalten werden. Er ist es, der den Hund im Laufe der Jahrtausende zum Haustier machte, und an ihn passte sich der Hund intensiv an, wie Feddersen-Petersen (2004, S. 102) betont: [D]omestikationsbedingten und durch Zucht variierten Änderungen im Sozialverhalten wird in der Ethologie immer noch weit zu wenig Bedeutung beigemessen.“ Die kritiklose Übertragung des wölfischen Verhaltensinventars auf den Hund wird somit beiden nicht gerecht. Vielmehr scheint es nötig, die ethologischen Forschungen auf die rassetypischen Besonderheiten zu lenken, um den Hunden weniger art- als rassegerechte Haltungsbedingungen bieten zu können. Herre und Röhrs begründen ihre Ablehnung „die Lebensansprüche der Wildart als verpflichtende Grundlage von Haustierhaltungen zu werten“ mit dem Unvermögen der Haustierpopulationen in freier Wildbahn zu überleben, was sich in der geringen Zahl geglückter Verwilderungen äußert (1990, S. 367).

Basierend auf den Ausführungen von Feddersen-Petersen folgt eine Auflistung der wichtigsten Bedürfnisse von Hunden (1997, S. 257ff):

Haushunde sind die Haustiere des Menschen, die enge Sozialpartner wurden, an das Zusammenleben mit ihm angepasst, haben also völlig andersartige ökologische Bedürfnisse als Wölfe“ (Feddersen-Petersen 2004, S. 69). Für sein späteres Leben und für ein konfliktfreies Zusammenleben mit Menschen ist die erwähnte Sozialisierungsphase des Junghundes von entscheidender Bedeutung. Intensive Zuwendung und Bindung aufbauende Kontakte mit den Sozialpartnern, Mensch und Artgenosse, und eine Reichhaltigkeit an Reizen sind unerlässlich für artgerechtes Sozial-, Erkundungs-, Lern- und Spielverhalten, kurz für eine normale Verhaltensausbildung (vgl. Feddersen-Petersen 1997, S. 252). Als Reaktion auf die Bedeutung, die dem Kontakt zu Artgenossen gerade in der Jugendentwicklung zukommt, werden Welpenspielgruppen abgehalten. Der Mensch ist hier kein geeigneter Ersatz, da eine Prägung und Gewöhnung an Artgenossen der unterschiedlichsten Rassen wichtig für einen später selbstsicheren Hund ist. Wie schon im Kapitel Überzüchtung erwähnt, ist das Ausdrucksverhalten durch körperliche Einschränkungen und Unterschiede zwischen den ebenso vielfältigen Rassen sehr unterschiedlich und bedarf einer Gewöhnung. Da Welpen bis zu ihrer Übernahme durch den/die HundehalterIn nur mit Geschwistern und Eltern Kontakt hatten, ist eine Gewöhnung an andere Rassen aber auch andere Haustiere ratsam. Um Verletzungen vorzubeugen werden Welpenspielgruppen nach der Größe des Welpen eingeteilt. Bei ausreichender Sozialisierung in jungen Jahren können kleine und große Hunde aber ungefährdet zusammen gebracht werden, da sie gelernt haben, körpersprachlich ritualisiert eine Rangordnung herzustellen.

Eine Habituation ist wichtig, um Hunde an Eindrücke und Reize zu gewöhnen, die ihnen im weiteren Leben in der Stadt oft unterkommen. Bereits beim Züchter sollte in dieser Phase erhöhter Lernbereitschaft eine behutsame Gewöhnung des zukünftigen Stadthundes an die urbane Umgebung erfolgen, um unnötige Unsicherheit und Stress bei U-Bahnfahrten, im Straßenverkehr oder mit fremden Kindern zu vermeiden. Hunde müssen an große Menschenansammlungen, Gestreichelt-Werden durch fremde Menschen, Lärm und Autofahren erst gewöhnt werden (vgl. von der Leyen 2003, S. 80f).

Eine klare Rangordnung ist auch im Zusammenleben mit dem Menschen wichtig zur Konfliktvermeidung. Beim Hund ist der soziale Status eng an den Zugang zu Ressourcen „…(begehrte Plätze, Futter, bestimmte Sozialpartner) sowie Ausgang von Konflikten und so genannten Dominanzauseinandersetzungen“ gekoppelt. (Feddersen-Petersen 2004, S. 195). Fehlende Kenntnis führt somit mitunter zu ungünstigen Dominanzverhältnissen und in weiterer Folge zu gefährlichen Situationen. Bei allzu „antiautoritärer“ Hundehaltung, bei der der Hund beliebig über Ressourcen wie Futter, Schlafplätze, Spielzeitpunkt und Streicheleinheiten verfügen kann, sind dominanzbedingte Probleme vorprogrammiert, die mitunter in aggressiven Auseinandersetzungen mit dem vermeintlichen Rudelführer enden können. Dies ist durch eine hundegerechte, konsequente Führung vermeidbar und für die Sicherheit des Menschen unerlässlich (vgl. Feddersen-Petersen 1997, S. 261f).

Hundehaltung fordert Kommunikation, Interaktion mit dem Hund“ (Feddersen-Petersen 1997, S. 264). Dafür ist die genaue Kenntnis und Beobachtung hündischer Kommunikationssignale zur Übermittlung von Bedeutungsinhalten und Motivationen notwendig. Besonders die Stresssignale des Hundes sollten frühzeitig erkannt und darauf reagiert werden. Signale der Unterwürfigkeit (Lecken der Hand, des Mundwinkels, der eigenen Schnauze, Rückenlage) werden als Beschwichtigungsgesten (calming signals) eingesetzt und wirken aggressionshemmend. Es ist kontraproduktiv diese zu bestrafen, da der Grund vom Hund nicht verstanden werden kann und Unsicherheit zur Folge hat (vgl. Feddersen-Petersen 1997, S. 278). Das Verständnis der biologischen Bedürfnisse und der durch die Sinne geprägten Kommunikation ermöglicht dem Menschen sich mit dem Tier zu verständigen und somit eine artgerechte Haltung. Körperkontakt ist wichtig für die soziale Sicherheit und Bindung des Hundes. Taktile Sanktionierung mittels Wegdrängen, Ignorieren oder Über-die-Schnauze-Fassen unter Artgenossen kann vom Mensch nachgeahmt werden, da Schlagen nicht verstanden wird (vgl. Feddersen-Petersen 1997, S. 277, 279). Nachhaltiger als Bestrafung unerwünschten Verhaltens wirkt allerdings die Belohnung mittels positiver Verstärkung erwünschten Verhaltens (vgl. Feddersen-Petersen 1997, S. 279).

Mehrmals täglich die Möglichkeit seinen Bewegungsdrang auszuleben und sich zu erleichtern, ist ein wichtiges Grundbedürfnis der Hunde. Die Reinhaltung der Wurfhöhle übernimmt nach der Geburt die Mutter. Sobald er seinen Aktionsraum erweitert ist auch beim Welpen „Stubenreinheit“ feststellbar. Diese dem Menschen entgegenkommende Disposition zur Sauberkeit sollte mehrmals täglich außerhalb des Hauses Folge geleistet werden können (vgl. Feddersen-Petersen 1997, S. 262). Abhängig von Rasse, Alter, Temperament, Trainingszustand, Gesundheit und Größe ist weiters ein entsprechender, unangeleinter Auslauf im Freien zu gewährleisten. Eine ständige Anleinung des Tieres ohne die Möglichkeit selbst die Laufart und Geschwindigkeit zu bestimmen und den Wegverlauf nach eigenen sinnlichen Interessen zu bestimmen, kann auf Dauer tierschutzrelevant werden. Aus der anderen Gewichtung der Sinnesleistungen von Mensch und Hund resultiert naturgemäß eine unterschiedliche Reizauswahl. Durch die Leinenführung kann der Hund nur eingeschränkt für ihn bedeutsame Umweltreize aufnehmen. „Ein Demonstrieren der sozialen Position, Geruchskontrollen u.a. werden nicht allein durch die Leine eingeschränkt, sondern vom leineführenden Menschen stark beeinflusst“ (Feddersen-Petersen 1997, S. 282). Untypische, aggressive Verhaltensweisen sind bei Hundebegegnungen an der Leine häufiger zu beobachten, da die innerartliche Kommunikation gestört wird. Feddersen-Petersen empfiehlt zwei bis vier Stunden Auslauf am Tag. Bei ausreichender körperlicher Bewegung im Freien entspricht so Feddersen-Petersen weiter, auch die Haltung großrahmiger Hunde in der Stadtwohnung einer tiergerechten Hundehaltung (1997, S. 280ff). Die Stadt Wien rät in dem vom Veterinäramt herausgegebenen „Wiener Hunde Ratgeber“ mit dem Hund möglichst oft, also früh, mittags, abends und vor dem Schlafengehen, vor die Türe zu gehen, um ihm abhängig von Größe, Alter und Trainingszustand Gelegenheit zu bieten, sich zu bewegen und seine Notdurft zu verrichten. Als Faustregel wird mindestens eine halbe Stunde pro Ausgang genannt (vgl. Cermak et al 2006, S. 25).

Aber auch geistige Beschäftigung entsprechend rassebezogener Verhaltensdispositionen ist für eine rassegerechte Hundehaltung essentiell. „Die Rassen zeigen sozusagen ihre besonderen Haltungsbedürfnisse durch ihr Verhalten an – und das geschieht bereits früh. Hunden, die olfaktorisch hochmotiviert sind, ist sukzessive ein entsprechendes Reizangebot gerade in diesem Funktionskreis zu bieten“ (Feddersen-Petersen 1997, S. 256). „Hundehaltung setzt Zeit und Beschäftigung mit dem Tier voraus“ (Feddersen-Petersen 1997, S. 276).

Als Charakteristikum formuliert Feddersen-Petersen zusammenfassend: „Für Tiergerechtigkeit sprechen ausgeprägtes Spielverhalten, Kontaktverhalten und Komfortverhalten, wenig aggressive Interaktionen und kein sozialer Stress“ (1997, S. 281). Fleig macht sich Gedanken zur artgerechten Hundehaltung in der Stadt: „Dabei müssen sich die Hundehalter schon von sich aus Gedanken darüber machen, wie weit die Großstadt überhaupt noch eine vernünftige Hundehaltung ermöglicht. In den Stadtzentren eine Steinwüste, in der ein Hund kaum noch interessante Spuren findet, als Nasentier eigene Schnüffelerlebnisse hat. Spaziergänge artenwidrig ausschließlich an der Leine, alle grünen Freiflächen gesperrt – es bedarf schon einer sehr hohen Tierliebe und Opferbereitschaft, unter diesen Verhältnissen einen Vierbeiner zu halten, ihn tagtäglich auszuführen und dabei der Schwierigkeiten Herr zu werden, dass der Hund nun einmal auch so seine Bedürfnisse hat…Einen Ausweg bieten Fahrten ins Umland… Bleibt nur zu hoffen, dass es ein solches Umland überhaupt noch im großstädtischen Bereich gibt. Jedenfalls bewundere ich die Großstadthundebesitzer sehr, die all diese Schwierigkeiten überwinden – ein überzeugender Beweis, wie sehr sie Hunde brauchen, wie viel sie ihnen bedeuten“ (2000, S. 39f).

Die Frage nach einer Überforderung der Anpassungsleistung durch die städtische Reizüberflutung beantworten Bleiweiss und Böck: „Die Schwellenwerte eines stadterfahrenen Hundes liegen mit Sicherheit um einiges höher als dies bei `Landtieren´ der Fall ist“ (1995, S 32). Natürlichen Reizen und Umwelteinflüssen sind die Hunde wie die Menschen nur eingeschränkt ausgesetzt, da sie sich die zumeist in geschlossenen Räumen aufhalten. Die Freiraumknappheit der Städte betrifft beide. Unter diesen Gesichtspunkten kann das Großstadtleben als hunde- wie menschenfeindlich beziehungsweise –freundlich bezeichnet werden. Somit ist weniger das Umfeld entscheidend als der Mensch, der bewerten muss, ob er dem Hund tiergerechte Haltungsbedingungen gewährleisten kann. Aber auch bei der Zucht ist an den späteren Einsatzbereich der Tiere zu achten. So ist in der Stadt die Haltung von nach charakterlichen Merkmalen gezüchteten Begleithunden ratsam. „… Begleithunde müssen auf soziale Flexibilität, soziale Anpassungsfähigkeit getestet werden, auf die sog. `soziale Verträglichkeit´, die im urbanen Raum bei hoher Hundedichte im Zusammenleben mit etlichen Menschen so unendlich wichtig ist.“ (Feddersen-Petersen 2004, S. 42).