1Die Stadt

Wenn man die Hundehaltung in der Stadt diskutiert ist es wichtig sich auch mit dem städtischen Raum zu beschäftigen. Um die Städte von heute verstehen zu können, muss man wissen wie sie entstanden sind.

1.1Die Geschichte der Stadtentwicklung

Dieser Abschnitt stützt sich weitgehend auf die Ausarbeitung der geschichtlichen Entwicklung von Städten durch Birgit Fleissner und ist hier nochmals komprimiert für unsere Zwecke zusammengestellt (vgl. Fleissner 2000, S. 4ff).

Im Vergleich zu seiner gesamten Entwicklungsgeschichte lebt der Mensch erst seit sehr kurzer Zeit in Städten. Zu kurz, um sich biologisch an dieses besondere Lebensumfeld anzupassen. Die ersten Städte sind erst vor 8.000 bis 5.000 Jahren entstanden. Die Entwicklung des Menschen beginnt vor ungefähr einer Million Jahren.

Entstanden sind die ersten großen Siedlungen mit der Eigenproduktion von Lebensmitteln und der dadurch möglichen Sesshaftwerdung des Menschen. Dies führt zu einem sprunghaften Ansteigen der Bevölkerung und zu einem Überschuss an Nahrungsmitteln (Neolithische Revolution). Durch die Spezialisierung Einzelner, die zur Entwicklung von neuen Techniken und somit zu einer weiteren Verbesserung der Produktion beiträgt, entstehen die ersten Handwerker- und Dienstleisterberufe.

Während der ersten Hochblüte leben in Rom bereits rund eine Million Menschen. Die Stadt erstreckt sich über 2.000 Hektar (vgl. Benevolo 1999, S. 20ff). Nach dem Niedergang des Römischen Reiches kommt es in ganz Europa zu einem Zerfall der Ballungszentren. Um die Jahrtausendwende bis ins 14. Jahrhundert entstehen aus den alten Stadtlandschaften der Römer neue wirtschaftliche und kulturelle Zentren. Eine Reihe von Epidemien (vor allem die Pest der Jahre 1348/49) dezimiert Mitte des 14. Jahrhunderts die durch die schlechte wirtschaftliche Lage gezeichnete Stadtbevölkerung. Eine Verschönerung und Reorganisation der Metropolen folgt.

Im 17. Jahrhundert kommt es abermals zu reger Bautätigkeit. Die absolutistischen Herrscher in Frankreich, Deutschland, Österreich und England planen oder laßen ihre Städte planen.

Durch die industrielle Revolution kommt es gegen Ende des 18. Jahrhunderts erneut zu einschneidenden Veränderungen in der Stadtentwicklung. Der wirtschaftliche Aufschwung und die neuen medizinischen Erkenntnisse führen zu einem starken Bevölkerungswachstum, und durch die einsetzende Landflucht sind besonders die Städte von dieser Entwicklung betroffen. Der Verkehr gewinnt an Bedeutung, dadurch werden die städtischen Faktoren, Arbeit, Wohnen, Erholen, räumlich getrennt. Besser gestellte Bevölkerungsschichten beginnen die Stadtkerne, die weder das große Verkehrsaufkommen noch die große Zahl an Menschen in den Griff bekommen können, zu meiden und ziehen in die Peripherie. Die Stadt erweitert sich zügellos auf bis dahin unbebautes Gebiet. Das Gefüge der Stadt wird aufgebrochen. Es entstehen Stadtviertel für die verschiedenen sozialen Schichten. Die Menschen ziehen sich in ihre eigenen vier Wände zurück.

Neue Ideen der Stadtplanung und -erweiterung entstehen, um die Trennung von Stadt und Land aber auch die Gesellschaft zu verändern. Das Ergebnis ist eine geregelte Stadtplanung, die über Bauvorschriften Einfluss nimmt. Die Trennung von öffentlichem und privatem Leben schreitet weiter voran, und so müssen im 19. Jahrhundert die soziale Infrastruktur Aufgaben der Gesellschaft übernehmen.

In Österreich wird erst mit dem Zusammenbruch der Monarchie über neue Lösungen nachgedacht. 1920 versucht man die „Zinskasernen“, die durch die Bodenspekulation entstanden sind, durch „Gartenstädte“ zu ersetzen. Fünf Jahre später werden wieder die mehrgeschossigen „Mietskasernen“ errichtet. Das Prinzip der Funktionstrennung, das seither verfolgt wird, kann zumindest die ungeordnete Durchmischung der Funktionen stoppen. Es wird in den Bebauungsplänen die Unterteilung der Stadt in Wohnbezirk, Industriegebiet, Handelszentrum, Grünraum und weitere Sparten vorgenommen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wird es durch die Stagnation der Bevölkerung und durch die anstehenden Renovierungsarbeiten zur Aufgabe und Chance der Stadtplanung die Städte von innen her qualitativ zu verbessern.

1.2Vor – und Nachteile des Stadtlebens

Der Mensch kennt das Leben in Städten erst seit so kurzer Zeit, dass eine biologische Anpassung an diese neue Lebensumgebung nicht erfolgen konnte. Der Mensch ist zwar das einzige Lebewesen, das überall auf der Welt zu Hause ist, aber er kommt nicht überall gleich gut zurecht und ist nicht überall glücklich. Besonders das Leben in den Ballungsgebieten der Großstadt bringt ihn an die Grenzen seiner Anpassungsfähigkeit“ (Fleissner 2000, S. 1).

Durch die besondere Lebenssituation in den Städten kommt es zu Problemen, denen der Mensch begegnen muss. Viele Individuen, die sich nicht kennen, leben auf engstem Raum zusammen. „Diese dauernde Begegnung mit Fremden wirkt … belastend. Der Mitmensch wurde zum Stressor. Unser zwischenmenschliches Verhalten ist in Richtung auf Misstrauen hin verschoben“ (Eibl-Eibesfeldt & Hass 1985, S. 59). Dies reicht von einem „Sich-Nicht-Wohl-Fühlen“ an einem Ort bis hin zu starken psychischen Belastungen und Erkrankungen. Kommunikationsstörungen und soziale Teilnahmslosigkeit sind eine weitere Folge der besonderen Lebensumstände. Man fühlt sich weder für die NachbarInnen noch für die Wohnumgebung zuständig. Dies führt zu einem Verlust der sozialen Kontrolle, ein wichtiger Mechanismus zur Sicherung der Wohnumgebung.

Dass nicht nur die Wohnung sondern vor allem auch das Wohnumfeld und dessen Möglichkeiten zur sozialen Kontaktaufnahme ein wichtiger Aspekt der Stadtplanung sind, zeigt anschaulich das Beispiel aus St. Louis, Missouri, die Siedlung Pruitt-Igoe. Fischer (1995) und Rainer (1978) beschreiben wie trotz gut ausgebauter Wohnungen durch fehlendes Gemeinschaftsgefühl das Wohnviertel völlig verwahrlost und mit hoher Kriminalitätsrate nach 18 Jahren wieder abgerissen wurde.

Nachteile der Stadt:

Kommunikationsstörung


Soziale Teilnahmslosigkeit


Kriminalität


Krankheiten


Psychische Störungen


Anonymität


Auf der anderen Seite besagen biologische Theorien, „…dass Verhalten nach Kosten-Nutzen- Überlegungen funktioniert. Danach kann sich eine Verhaltensweise nur dann etablieren, wenn der Nutzen höher ist, als die Kosten. Die ökonomischen, sozialen, kulturellen und technologischen Möglichkeiten städtischer Zentren bieten ihren Bewohnern eine Vielzahl individueller Gestaltungsfreiheiten. Dadurch scheint der persönliche Nutzen, den man aus dem Leben in einer Großstadt zieht, größer zu sein als die Kosten“ (Atzwanger, Grammer & Schäfer 1994 aus: Fleissner 2000, S. 29).

Die kurzen Wege, das kompakte Miteinander von Vielen in der Stadt und die Möglichkeiten für den Arbeitssuchenden im Dienstleistungssektor, sind die wichtigsten Vorzüge der Städte. „Eine Stadt ist ein ungeheuer kraftvolles Gebilde, es hat eine Anziehungs- und Zusammenziehungskraft wie ein Magnet für seine Aufgabe, den Leistungsaustausch der Menschen untereinander räumlich zu organisieren; und wenn man es ein wenig rüttelt, rückt alles nur noch ein bißchen dichter zusammen. In allen Systemen, die auf Austausch untereinander angelegt sind, sind die Teile so dicht beieinander und die Wege so kurz wie möglich, und das gilt auch für das System Stadt“ (Leipprand 2000, S. 71). Daraus ergeben sich weitere Vorteile für Transport, Ver- und Entsorgung und das vielschichtige Angebot an Ausbildungsmöglichkeiten. Auf dem Freizeitsektor und bei der Kontaktaufnahme mit anderen BewohnerInnen bieten Ballungsräume objektiv mehr Möglichkeiten. Ein weiterer Faktor, der sowohl Vor- und Nachteil sein kann, ist die Anonymität in Städten. Sie ist einerseits Schutz- und Zufluchtsort für AußenseiterInnen, die in Ruhe gelassen werden wollen, andererseits schafft sie eine große Erschwernis bei der Kontaktaufnahme mit fremden Menschen, was wieder zur Isolation und Vereinsamung führen kann.

Vorteile der Stadt:

Geringer Flächenbedarf


Kostengünstige Ver- und Entsorgung


Kostengünstige Verwaltung


Mehr Ausbildungsmöglichkeiten


Beschäftigungspotential


Rationelle Produktionsbedingungen


Anonymität


1.3Freiraum in der Stadt

Leben in der Stadt findet nicht nur innerhalb der Wohnungen und Häuser statt, sondern auch in dem ihnen anschließenden Bereich der Wohnumgebung. Dieser Raum in der Stadt muss konkurrierenden Ansprüchen gerecht werden. Flächen für Wohnen, Verkehr, Industrie, Gewerbe sowie Einrichtungen für Freizeitaktivitäten und für Ver- und Entsorgung werden benötigt. Darüber hinaus sollte es Freiflächen geben, die die wichtigen Aufgaben der Nutz-, Schutz- und Erholungsfunktion bereitstellen können (vgl. Sukopp 1998, S. 46). Von der Befriedigung dieser Lebensbedürfnisse hängt in hohem Maße das Wohlbefinden des/der Bewohners/In ab.

Zu allen Zeiten versuchten die Menschen, bei zunehmender Dichte auch die vor ihrem Gebäude liegende öffentliche Fläche in Anspruch zu nehmen. Der öffentliche Raum wird dabei zwar kleiner, jedoch nicht unbedingt schlechter“ (Leipprand, S. 56).


Abb. 11: Hund in der Stadt

Im besonderen Maße ist der Nahbereich um die Wohnfläche für den/die HundebesitzerIn ein wichtiger Faktor für die Lebensqualität und Wohnzufriedenheit (vgl. Fröhlich et al. 2000, S. 13; Kapitel Vor- und Nachteile der Hundehaltung). Schäfer hat nachgewiesen, dass die Wohnumgebung ein sehr wichtiger Faktor bei der Beurteilung der Wohnsituation ist (vgl. Schäfer 1994 aus: Fleissner 2000, S. 50). Die Zufriedenheit wiederum ist ein wichtiger Faktor für das Wohlbefinden, und in weiterer Folge für die Gesundheit des Menschen. Dabei hat das Design der Freiräume eine Auswirkung auf deren Nutzung (vgl. Fleissner 2000, S. 70).

Freiräume erfüllen vielfältige Ansprüche: Sie werden aufgesucht, um dem Lärm und der Hektik des großstädtischen Alltags zu entfliehen, um sich auszuruhen oder auszutoben, Sport zu treiben oder einfach nur um ein wenig Natur zu genießen. Sie sollen Raum bieten, damit sich Menschen treffen und Feste feiern können (z. B. wenn die eigene Wohnung viel zu klein ist), aber auch Raum bereitstellen für ausgedehnte einsame Spaziergänge und zum Erkunden von wilder Stadtnatur. Entsprechend vielgestaltig muß das Erscheinungsbild der städtischen Freiräume sein (vom Naherholungsgebiet am Stadtrand über größere und kleinere Parks in den Wohnquartieren, Spielplätze und grünen Aufenthaltsräume im direkten Wohnumfeld bis hin zu lebendigen städtischen Plätzen und Promenaden an den zentralen Begegnungsstätten der Stadt)“ (Ermer et al. 1996, S. 58).

1.4Stadt und Natur

Natur und Natürlichkeit in der Stadt verwurzeln den Menschen, sie geben einen kleinen Ausschnitt der Realität außerhalb des urbanen Raums wieder. Selbst kleine Flächen grün in der Stadt werden genutzt und von den BewohnerInnen gefordert. Sie lassen die „Seele baumeln“, kommen zur Ruhe und erkennen die Wichtigkeit des Augenblicks. Kinder lernen ein natürliches Verhältnis zu ihrer Umwelt am besten in der ungestörten und ungefährdeten Auseinandersetzung mit dieser aufzubauen. „Der junge Mensch ist noch arm an höherer geistiger Leistungsfähigkeit - er ist weitgehend ein triebbestimmtes Spielwesen. Er braucht deshalb seinesgleichen - nämlich Tiere, überhaupt Elementares, Wasser, Dreck, Gebüsche, Spielräume. Man kann Ihn auch ohne das alles aufwachsen lassen, mit Teppichen, Stofftieren oder auf asphaltierten Straßen und Höfen. Er überlebt es - doch man soll sich dann nicht wundern, wenn er später bestimmte soziale Grundleistungen nie mehr erlernt, zum Beispiel ein Zugehörigkeitsgefühl zu einem Ort und Initiative“ (Mitscherlich 1965, S. 24).

Freiräume in Städten sollen deshalb neben ihrer Funktion als Begegnungsort auch die Möglichkeit bieten der Natur näher zu kommen und sich mit ihr auseinanderzusetzen. Naturnahe Freiräume sind durch die starke Frequenz nur als naturnah zu erhalten. Natur braucht Platz um sie selbst sein, somit ist die Größe öffentlicher Freiflächen ein bestimmer Faktor für desen Ausgestaltung. Je kleiner ein Areal umso dichter liegen die Nutzungsspuren beieinander und umso mehr erhählt die Künstlichkeit der Natur die nachhaltige Nutzungsfähigkeit.


Abb. 12: Naturnahe Stadt?